Auction: 13 days
As of Mar 12, 2026
Links unten signiert und datiert „Nay. 54.“ Rückseitig auf Keilrahmen signiert, betitelt und datiert „Nay – mit gelben Scheiben und blauen Spitzen – 1954“.
Gerahmt.
Das Gemälde markiert einen entscheidenden Moment im Schaffen von Ernst Wilhelm Nay, den Übergang von einer noch rhythmisch bewegten Abstraktion hin zu jener autonomen Bildsprache, die 1954 in die Gruppe der sogenannten „Scheibenbilder“ mündet. Bereits seit den späten 1940er-Jahren hatte Nay in Werkphasen wie den „Fugalen“ und „Rhythmischen Bildern“ die Gegenständlichkeit konsequent hinter sich gelassen. Farbe, Fläche und Form wurden zu eigenständigen Trägern des Ausdrucks, eine Entwicklung, die ihn im Kontext der Nachkriegsabstraktion zunehmend profilierte.
In „Mit gelben Scheiben und blauen Spitzen“, einem großformatigen Werk von fast zwei Metern Breite, verdichtet sich Nays künstlerisches Anliegen zu einer dynamischen und zugleich ausgewogenen Komposition. Die Bildfläche entfaltet sich in einer weitgespannten, beinahe kaleidoskopischen Ordnung: Leuchtendes Gelb begegnet tiefem Blau, Rot und Grün, während ockerfarbene und schwarze Partien markante Akzente setzen. Scharfkantige Dreiecke durchdringen weich gerundete Scheiben, während rechteckige, lineare und ovale Elemente frei im Raum zu schweben scheinen und doch in präziser Abstimmung zueinanderstehen. Überkreuzende Diagonalen steigern die Dynamik, runde und spitze Formen treten in spannungsvolle Gegenrichtung. Der weiße Hintergrund wirkt als lichter Durchbruch im Zusammenspiel mit dunkleren Zonen, verleiht den Formen Halt und intensiviert ihre Leuchtkraft; helle Türkis- und Aquamarintöne verstärken den Eindruck des Schwebenden und schenken der Komposition ihre vibrierende Balance. Nay knüpft damit an eine Entwicklung an, die bereits Wassily Kandinsky mit seinen frühen abstrakten Kompositionen vorgezeichnet hatte: die Reduktion auf elementare Farbkontraste und eine bewusst disponierte Ordnung des Bildraums. Primärfarben entfalten Wirkung im kalkulierten Gegenüber, organisch offene Ränder begegnen klaren Linien. Die Oberfläche flirrt und bewegt, ohne die Ruhe der Gesamtkomposition zu stören, sodass ein harmonisches Gleichgewicht aller Kräfte entsteht.
Ende der 1950er-Jahre suchte Nay, fern von den Tendenzen einer ironisch gebrochenen, konsumbezogenen Bildwelt, eine Malerei jenseits äußerer Bezüge, in der nicht Zitat oder Anspielung, sondern die innere Energie der Farbe selbst im Mittelpunkt stand. In dieser Konzentration auf das autonome Bild formuliert „Mit gelben Scheiben und blauen Spitzen“ einen überzeugenden Beitrag zur lyrischen Abstraktion der Nachkriegszeit und bezeugt Nays Rang als bedeutender Kolorist seiner Generation. Gleichzeitig erfuhr er breite öffentliche Anerkennung: 1955 auf der ersten documenta in Kassel, 1956 in der Tate in London sowie als deutscher Vertreter auf der Biennale in Venedig; im Folgejahr war er im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Dieser Erfolg markierte einen Wendepunkt nach seiner Diffamierung als „entarteter Künstler“ im Nationalsozialismus und unterstrich Nays zentrale Rolle in der Nachkriegsmoderne.
Provenienz:
Galerie Günther Franke, München.
Privatsammlung, Fort Worth.
Sotheby's London, 1986, Lot 653.
Galerie Neher, Essen.
Privatsammlung, Nürnberg.
Van Ham Kunstauktionen, Köln 2014, Lot 318.
Privatsammlung, Schweiz, 2025 erworben.
Literatur:
Siegfried Gohr, Einführung in das Werk von E.W. Nay, in: Aurel Scheibler, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde. Bd. I: 1922–1951, Köln 1990, S. 21.
Konstrevy, XXXIe année, cahier 4, Stockholm 1995, S. 166 (Abb.).
Aurel Scheibler, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde. Bd. II: 1952–1968, Köln 1990, S. 373, Nr. 700 (Abb. S. 65).
Peter Dittmar, Werkverzeichnis der Gemälde von E.W. Nay. Now his paintings cost more than 100.000 mark, in: Die Welt, Berlin, 13./14. Januar 1991.
Franziska Müller, Ernst Wilhelm Nays „Vom Gestaltwert der Farbe“ als Künstlertheorie und Zeitzeugnis, Marburg 2016, S. 174.
Ausstellungen:
Galerie Günther Franke, München 1954, Nr. 6 (Titel: „Gelbe Scheiben blaue“).
Blickpunkte. Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert, Galerie Neher, Essen, September 1987, S. 79.
Abstrakte Kunst, Neues Museum, Nürnberg, 19. Mai – 9. Juli 2000, S. 149, Nr. 20 (Abb. S. 69). (1470823) (12)
Ernst Wilhelm Nay,
1902 Berlin – 1968 Cologne
MIT GELBEN SCHEIBEN UND BLAUEN SPITZEN, 1954
Oil on canvas.
124 x 198 cm.
Signed and dated “Nay. 54.” lower left. Signed, titled and dated “Nay – mit gelben Scheiben und blauen Spitzen – 1954” on the back of the stretcher.
Provenance:
Galerie Günther Franke, Munich.
Private collection, Fort Worth.
Sotheby's, London, 1986, lot 653.
Galerie Neher, Essen.
Private collection, Nuremberg.
Van Ham Kunstauktionen, Cologne, 2014, lot 318.
Private collection, Switzerland, acquired 2025.
Literature:
Konstrevy, XXXIe année, no. 4, Stockholm 1995, p. 166 (ill.).
Aurel Scheibler, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde. vol. II: 1952 – 1968, Cologne 1990, p. 373, no. 700 (ill. p. 65).
Peter Dittmar, Werkverzeichnis der Gemälde von E.W. Nay. Now his paintings cost more than 100.000 mark, in: Die Welt, Berlin, 13/14 January 1991.
Franziska Müller, Ernst Wilhelm Nays “Vom Gestaltwert der Farbe” als Künstlertheorie und Zeitzeugnis, Marburg 2016, p. 174.
Exhibitions:
Galerie Günther Franke, Munich 1954, no. 6 (title: Gelbe Scheiben blaue).
Blickpunkte. Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert, Galerie Neher, Essen, September 1987, p. 79.
Abstrakte Kunst, Neues Museum, Nuremberg, 19 May – 9 July 2000, p. 149, no. 20 (ill. p. 69).